Montag, 16. Mai 2016

Habet Dank für Speis und Trank

Claudia brachte meine Koffer für mich ins Hotel, während ich noch auf Nico gewartet habe. Nico ist von Technik ohne Grenzen, gesponsort von Wasser ohne Grenzen, und ist einer der drei "Wasserleute" aus Deutschland, die beim Krankenhaus in Fotadrevo die Abwasseranlage erweitern. Er landet zwei Stunden nach mir in Tana, wir begrüßen uns kurz, er gibt mir zwei Laptops die er für ÄfM transportiert hat, ich gebe ihm Bargeld weil der Automat keins her gibt (ein generelles Problem in Madagaskar), und er fährt schließlich zu seinem Hotel. Unsere Wege werden sich erst wieder in Tulear in vier Tagen kreuzen, Nico fährt morgen früh um vier schon in den Süden. Ein Kleinbus bringt mich in die Stadt (Prognose: 1-2 Stunden Fahrzeit, je nach Verkehr) zu meinem Hotel.

Ab diesem Zeitpunkt bekomme ich den ersten Kontakt mit der afrikanischen Wirklichkeit, und ich bin fasziniert von der Andersartigkeit dieses Ortes. Irgendwie werden auf dieser Fahrt alle Vorurteile die ich von Afrika kenne, bestätigt oder übertroffen:
  • Soweit das Auge reicht wachsen Palmenstauden auf rötlich-brauner Erde, dazwischen steht braunes brackiges Wasser
  • Die Straßen und "Gehwege" sind voll von Menschen die Waren transportieren - auf dem Kopf oder mit Karren, die sie ziehen - und Menschen die Waren verkaufen - in "Marktständen" ohne Wände, Dach oder Tisch.
  • Dazwischen schieben sich Motorräder, Autos, LKWs aus fünf Jahrzehnten langsam Richtung Stadt. Die StVO ist den Menschen nicht vertraut. Generell ist den Leuten ein Konzept von Ordnung im Verkehr und auf der Straße scheinbar fremd. Der Verkehr ähnelt eher tausend Murmeln, die man durch einen Trichter schüttelt, als einem koordinierten Ablauf. Alle existierenden und nicht existierenden Fahrspuren werden ausgenutzt. Stau, Stau, Stau. Männer in blauen und grünen Uniformen füchteln wild pfeifend mit den Armen. Beachtet werden gefühlt nur die mit einer AK-47 auf dem Rücken.
  • Verblichene Verkehrsschilder vegetieren ignoriert und vereinsamt am Straßenrand vor sich hin, an den Werbetafeln blättert das vergilbte Papier
  • Auf einmal rast eine Kolonne schwarzer SUVs an uns vorbei, eskortiert von Blaulicht und einem Hubschrauber. Ban Ki-Moon ist wohl zur Zeit in der Stadt, ob das was damit zu tun hat?
  • Hütten und Zäune sind aus allem was die Erbauer finden konnten zusammen geflickt und nur durch Draht und Nägel vom Auseinanderfallen gehindert.
  • Eine Bahnstrecke wird von den Menschen eher als "Fußgängerweg mit sehr sehr niedrigem Geländer" angesehen, Lokomotive ist mir noch keine begegnet.
  Zusammen mit mir sitzt ein Mann aus Sri Lanka im Bus. Er erzählt mir, dass er in Madagaskar ist, um Edelsteine zu kaufen (in einem absurden Zufall werde ich ihn noch einmal sehen, vier Tage und 700km weiter im Süden in einem kleinen staubigen madagassischen Dorf). Während der Bus im Stau steckt, kauft er durch das Fenster ein Kilo Bananen von der Straße und bietet mir eine an. Zögerlich probiere ich mein erstes Stück "Echtes Afrikanisches Obst", von dem mir gesagt wurde dass es ja so viel besser schmeckt als das was man in Deutschland im Laden bekommt. Die erwartete Geschmacksexplosion bleibt leider aus, der befürchtete Durchfall zum Glück auch...

Nach zwei Stunden ist es dunkel und ich komme im Hotel an. Beginnt jetzt das Abenteuer Afrika? Leider nein. Bis auf eine kleine Schabe im Bad ist das Hotel sehr westlich, vergleichbar von Einrichtung und Ausstattung einem europäischen Hotel der 90er Jahre. Zwei dinge sind allerdings unüblich: Im Bad stehen neben dem Waschbecken zwei 10-Liter Eimer Wasser samt Schöpfbecher, falls mal wieder kein Wasser fließt, und neben dem Bett ist eine batteriebetriebene Lampe, die sofort anspringt sobald der Strom ausfällt. Während meiner Zeit im Hotel bin ich von keinen Ausfällen betroffen.

Zum Abendessen wurde mir das hoteleigene Restaurant empfohlen, und so wandere ich in Jeans und Kapuzenpulli in ein feines Ambiente mit Kellnern im Anzug. Hm. Andererseits bin ich weißHotelgast, muss also genug Geld haben und werde daher bedient wie jeder andere. Beim Öffnen der Speisekarte fällt mir beim Betrachten der Preise die Kinnlade auf den Boden! Steak für DREI EURO? Ich halte mit mäßigem Erfolg meine Begeisterung versteckt und bestelle mir als Vorspeise Carpaccio vom Rind für 3€ und als Hauptspeise Entenbrust mit Kroketten für 4,21€, dazu ein Bier (65cl) für 1,40€. Ich bin sehr sehr dankbar - zum einen für die Gelegenheit dass ich so gutes Essen so günstig genießen darf, zum anderen dass ich maximal eine Woche hier bin, weil ich sonst maßlos verfetten würde. Als die Ente gereicht wird, realisiere ich dass ich Kroketten mit Krevetten verwechselt habe und daher zartestes Entenfleisch mit Garnelen garniert bekomme. Das erklärt den hohen Preis...
Zunächst ein Carpaccio mit Kapern.

Dann schmackvollste Ente Medium-Rare mit Garnelen
Das Essen ist ein absoluter Traum und steht dem eines deutschen Restaurants in keinster Weise nach (außer im Preis!). Okay, in einem deutschen Restaurant habe ich es noch nicht erlebt, dass der Ober die Contenance verliert um mit einem neongelben Lineal(!) eine Katze(!) aus dem Gastraum zu vertreiben. Unüblich auch die tote Ameise, die von der Decke auf den Tisch fiel (Tierfreunde: keine Sorge! Sie war nicht tot! Nach ein paar Minuten Schockstarre hat sie sich wieder berappelt und ist freiwillig vom Tisch spaziert). So lustig diese Beschreibung auch klingt, das Restaurant war echt Spitzenklasse!

Dessert war beim besten Willen nicht mehr möglich (kein Platz im Bauch, der Wille dazu war da), so dass ich in Summe für Vorspeise, Hauptspeise, Bier und Wasser 9,55€ gezahlt habe. Zutiefst zufrieden und prall gesättigt schlafe ich ein, in den Schlaf gesungen von der ignorierten Trillerpfeife des Verkehrspolizisten vor meinem Fenster...

Am nächsten Tag ging es dann zu Claudia und quer durch die Stadt, aber das kommt im nächsten Update. Das hat auch schöne Bilder von der Stadt, weil die von diesem Tag nichts sind.

Mein Zeitplan und meine Reiseroute:
  1. Ich kaufe in den nächsten Tagen das Material für die Solaranlage in Tana
  2. Ich fahre nach Tulear, eine Hafenstadt im Südwesten des Landes.
  3. Ich fahre von Tulear nach Fotadrevo und installiere die Solaranlage

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen